Vom Projekt zur dauerhaften Initiative
Am 12. Juni 2026 fand im Literatursalon der Schlossgärtnerei Wartholz in Reichenau an der Rax die Abschlussveranstaltung des Projekts „Handwerk & Baukultur – Handwerkerhöfe in der Weltkulturerbe-Region Semmering“ statt. Mit dem Projektabschluss wurde zugleich der Ausblick auf die Weiterführung der entstandenen Netzwerke und Formate eröffnet.
Fördermaßnahme „LIP – Ländliche Innovationssysteme“
Es war dies ein Projekt unter der Fördermaßnahme „LIP – Ländliche Innovationssysteme“ und Teil des GAP-Strategieplanes Österreich (2023-2027) im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft. Die finanziellen Mittel stammen aus der EU und zum Teil von Bund und Ländern. Die Staaten der Europäischen Union (EU) setzen seit 1962 eine gemeinsame Agrarpolitik (GAP) um. Der österreichische GAP-Strategieplan umfasst unter anderem die Förderung von Zusammenarbeit, Wissensaustausch und die Entwicklung innovativer Ideen zur Verbesserung der Lebensqualität in ländlichen Regionen.
Mehrwert für die Region
Das Ende der zweijährigen Förderperiode bedeutet jedoch lediglich den formalen Abschluss des Projekts. Die vom Landwirtschaftsministerium im Rahmen der Fördermaßnahme „LIP“ bereitgestellten Mittel ermöglichten die Umsetzung von acht Arbeitspaketen in den Gemeinden der UNESCO-Weltkulturerbe-Region Semmering-Rax. Bereits 2021/22 begannen die Vorarbeiten in Form eines zweijährigen Beteiligungsprozesses. 2024 folgten die Einreichung und die Förderzusage des BMLUK für das von Architektin Johanna Digruber (Harddecor Architektur) initiierte Projekt, für das sie die Gemeinden der Kleinregion gewinnen konnte. Die Projekte sollen unter anderem einen ökonomischen, ökologischen und sozialen Mehrwert für die Region schaffen, die Zusammenarbeit und den Multi-Akteurs-Ansatz innerhalb und außerhalb der Region fördern sowie die Innovationsfähigkeit und -kultur der Region stärken.
Netzwerke
„Die nun geschaffenen Strukturen und das mittlerweile rund 300 Akteur:innen umfassende Netzwerk bilden die Basis“, betonte Joachim Köll (ARGE Handwerk & Baukultur, Obmann der Weltkulturerbe-Region Semmering-Rax). „Die verschiedenen Maßnahmen und Formate sollen nun in einer nächsten Phase weitergeführt werden und auf eigenen Füßen stehen können“.
Handwerk und Baukultur – beides wesentliche Gründe für die Verleihung des UNESCO-Weltkulturerbe-Titels im Jahr 1998 – prägen die Region bis heute. Das trifft sowohl auf die historische teils denkmalgeschützte Semmeringer Villen- und Hotelarchitektur zu als auch auf die technische Leistung der 1842 von Carl von Ghega geplanten Semmeringbahn. „Beides“, so Köll, „gilt es zu erhalten, wozu es sowohl Können und Wissen von Handwerksbetrieben und Eigentümern braucht“. Diese tragen Verantwortung für das identitätsstiftende Erbe und müssen sensibilisiert und fachmännisch beraten werden.
Maßnahmen und Formate
Köll und Digruber blicken zurück auf Formate wie Trainings, Workshops, Schulungen und Handwerkskurse. Das Angebot reichte von klassischen Handwerkstechniken, Holzverarbeitung und Tonarbeiten bis zu Siebdruck, Papierschöpfen und Lampenbau. Im Zentrum stand das praktische Lernen nach dem Prinzip des „Learning by doing“. Zielgruppen waren Handwerker:innen, Planer:innen, Architekt:innen, Mitarbeiter:innen öffentlicher Bauverwaltungen sowie Eigentümer:innen historischer Gebäude. Entwickelt und umgesetzt wurden fünf Pilottrainings und zehn Kursformate mit mehr als 100 Teilnehmer:innen. Kooperationspartner war unter anderem das Erasmus+-Projekt Heritage Train II in Kooperation mit dem Verein für Baudenkmalpflege und dem BDA.
Doch kann das Kursformat ohne Fördermittel weitergeführt werden?
„Man arbeitet“, so Joachim Köll, „an einem Leistungskatalog, welche Angebote aus dem Projekt heraus weitergeführt werden können und die man Privaten und Betrieben gegen Bezahlung anbieten kann“. Denn Wissen über das Umgehen mit historischer Substanz fehlt sowohl Betrieben als auch Hauseigentümer:innen.
Handwerkerhöfe – Baukompetenzzentrum
Daher will man auch das Projekt für ein „Baukompetenzzentrum“, in dem Beratungen und Schulungen stattfinden sollen, weiterentwickeln und hat dafür 15 mögliche Gebäude ausgelotet. Dieses Thema ist auch Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner ein Anliegen. Sie lud im Herbst 2025 zu einem Netzwerktreffen auf den Semmering in die Villa Schönthaler. Dabei wurde das Projekt „Baukultur am Semmering“ präsentiert und über aktuelle Entwicklungen gesprochen. Ziel sei es, die ehrwürdigen Bauwerke zu renovieren und die Region bis 2030 aus dem Dornröschenschlaf zu holen. Wirtschaftskammer NÖ Präsident Wolfgang Ecker sprach von einem wesentlichen Projekt, „weil durch Sanierungen nachhaltig das Handwerk gesichert werden kann.“ Unterstützt werden die Vorhaben von der ARGE Bau, der Wirtschaftskammer Niederösterreich und 14 Innungen. Gemeinsam vertreten sie mehr als 22.000 Mitgliedsbetriebe mit rund 100.000 Mitarbeiter:innen. Sie alle hätten sich das Ziel gesetzt, „Handwerkstechniken verbunden mit moderner Technik weiterzuentwickeln.“
Bildungsarbeit: Holt die Jugend ins Boot
Ein besonderes Anliegen der Projektinitiator:innen ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Verschiedene Module für Schulen wurden entwickelt und durchgeführt. Man will das Potenzial von Kindern und Jugendlichen durch handwerkliche Fertigkeiten, Kulturtechniken und partizipative Bildungsansätze entfalten und das Verständnis für wichtige Themen wie Nachhaltigkeit, kulturelle Vielfalt und traditionelle Handwerkstechniken wecken. Vor allem sollen die Schüler für Handwerksberufe begeistert werden.
Dazu stellte Michael Slanar, Eigentümer einer Kfz-Werkstatt und Tankstelle mit Lebensmittelverkauf aus Reichenau, sein Projekt für Schüler:innen des Polytechnischen Lehrgangs der NMS Reichenau/Rax vor. Als Quereinsteiger in den Schulbetrieb hat er seine Werkstatt nach dem Unterricht den Burschen und Mädchen geöffnet. Alle sind täglich mit Begeisterung dabei. Sie reparieren ihre Mopeds und lernen praktische Fähigkeiten. Zusätzlich besucht der gut vernetzte Michael Slanar mit ihnen Betriebe in der Region. Mit seinem Einsatz und seinem gelungenen Projekt hat er bisher für alle „seine Burschen und Mädels“ eine Lehrstelle finden können. Dieses Modell findet durch das Engagement der Leiterin des polytechnischen Lehrgangs Silvia Weinzettl wesentliche Unterstützung.
Parallelprojekt aus dem Ländle
Hauptvortragende des Abends war Verena Jakoubek-Konrad. Sie leitet das Vorarlberger Architektur Institut und erhielt in Kooperation mit 9 weiteren Partner:innen aus dem Bereich der Forschung und Wirtschaft kürzlich für das grenzüberschreitende Interreg-Projekt „Walz 4.0“ eine der höchsten EU-Förderungen: fünf Millionen Euro für eine Laufzeit von dreieinhalb Jahren. Das Projekt verfolgt ähnliche Ziele wie die Initiative in Niederösterreich und versteht sich als dauerhafte Bildungs- und Netzwerkplattform für die Bauwirtschaft. Walz 4.0 soll zusammenbringen, was im Bau oft getrennt ist: Handwerk, Hochschule und Praxis. Hintergrund ist ebenfalls der enorme Mangel an Fachkräften. Und auch in Vorarlberg werden Jugendliche, vor allem Maturanten, an das Handwerk herangeführt. Durch KI werden in Zukunft viele Berufe verlorengehen, nicht jedoch im Handwerk. Mittlerweile gehen in der Schweiz 50% der Jugendlichen nach der Matura in eine handwerkliche Ausbildung. Interessant auch, dass die duale Ausbildung sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz schon viel weiter ist als in Österreich.
Nachhaltigkeit: Handwerk als Grundlage für einen Wandel von der Wegwerf- zur Reparaturgesellschaft
Jakoubek-Konrad betont auch, wie wichtig Wissen über traditionelle Bau- und Handwerkstechniken auch für Eigentümer von Gebäuden ist. Denn als Besteller müssen sie wissen, welche Leistungen sie brauchen und beurteilen können, ob diese das jeweilige Unternehmen überhaupt anbieten kann. Ausbildung ist daher für beide Seiten unabdingbar. Und im Fokus steht auch die Forschung und Zusammenarbeit mit Hochschulen, um Handwerk weiterzuentwickeln und zukunftsfit zu machen. „Wir müssen uns – auch im Sinne der Nachhaltigkeit – von einer Wegwerf- zu einer Reparaturgesellschaft entwickeln“. Dazu braucht es Wissen, wie man Dinge repariert. Das ist zum Teil verloren gegangen.
Ausgehend von „Walz4.0“ wird die traditionelle Wanderschaft als modernes Modell des Wissenstransfers zwischen Handwerk, Hochschule, Architektur und Bauwirtschaft interpretiert – im Zusammenspiel von analoger Praxis und digitalen Werkzeugen sowie der Frage, wie Wissen über Disziplinen hinweg zirkulieren kann.
Ein weiterer Vortrag kam von Thomas Gronegger. Er richtete den Fokus auf die sozialen und kulturellen Grundlagen handwerklicher Arbeit. Im gemeinsamen Tun entstehen zentrale Werte wie Vertrauen, Aufmerksamkeit und Kommunikation, die sich unmittelbar im praktischen Arbeiten entwickeln. Handwerk wurde dabei als sozialer Raum beschrieben, indem Zusammenarbeit und Lernen direkt erfahrbar werden
Text: Brigitte Groihofer
Links:
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↳ Vorarlberger Architektur Institut